Giovanni Battista Tiepolo in Stuttgart

Giambattista Tiepolo, 1696 in Venedig geboren, gestorben 1770 in Madrid, galt zu seiner Zeit als einer der bedeutendsten venezianischen Maler des ausklingenden Barock, der schon früh berühmt und in seinem Ruhm von seinen Künstlerkollegen anerkannt wurde. Schon mit 18 Jahren machte er sich selbständig und mit 21 Jahren war er bereits Meister. Man kann sich daher gut vorstellen, dass er in Venedig und auf der Terra Ferma, in Udine, Mailand und Bergamo, mit Aufträgen überhäuft wurde. Dennoch sind wir „Nordälpler“ stolz und überglücklich, dass wir hier am Untermain sein Hauptwerk in der Würzburger Residenz betrachten und bewundern dürfen, nämlich das berühmte Deckenfresko im dortigen Treppenhaus: die Darstellung der (damals bekannten) vier Erdteile wie auch die Darstellung der Hochzeit des Kaisers Barbarossa („Kaiser Rotbart“) mit Beatrix von Burgund und die Belehnung es Fürstbischofs mit den Rechten eines Reichsfürsten im dortigen Kaisersaal.

1750 machte sich also Tiepolo, 54 Jahre alt, zusammen mit seinen beiden Söhnen nach Würzburg auf. Wie gelangte er über die Alpen? Ich nehme an, wie schon über die vielen Jahrhunderte Unzählige vor ihm: Kaiser und Könige, Herzöge, Räuber, Pilger, Kaufleute, Mönche, Banditen, Feldherren und endlose Heerwürmer, alle diese vielen Menschen überwanden das Gebirge über den Reschenpass, und von einigen berühmten Personen wissen wir es ja auch genau.

Tiepolo war übrigens nicht der erste bedeutende italienische Maler, der den Alpenhauptkamm überwand: 200 Jahre vor ihm begab sich Tizian (1488 – 1576) zweimal nach Augsburg, wo gerade Kaiser Karl V. residierte, wobei er vor Kälte schlotternd Füssen als die kälteste Stadt überhaupt beschrieb, in der er sich je aufgehalten habe.

Nachdem Tiepolo auch noch das Altarbild für die Klosterkirche Münsterschwarzach – die „Anbetung der Könige“ – geschaffen hatte, kehrte er wieder nach Italien zurück. Dort hielt er sich für einige Jahre auf (1757 – 1762), um sich dann erneut, diesmal im Alter von 66 Jahren (!) auf den langen Weg nach Madrid zu machen, wohin man ihn berufen hatte. Doch die Zeiten waren, wie man weiß, im Umbruch begriffen. Künstlerisch setzte sich der Klassizismus langsam durch, und politisch-gesellschaftlich gewitterte ganz in der Ferne schon die Revolution. So wurden schon sieben Altarbilder für eine der Kirchen in Aranjuez nicht mehr aufgestellt. Die Zeiten des Spätbarock und des Rokoko waren vorbei.

 

Die Staatsgalerie Stuttgart, die zum anstehenden 250. Todestag des großen Venezianers eine sehenswerte Ausstellung ausgerichtet hat, zeigt neben eindrucksvollen Tafelbildern insbesondere Zeichnungen und Skizzen vor allem für seine großen Deckenfresken, aber auch graphische Arbeiten, wie – wenn auch wenige – Kaltnadelradierungen. Das ist überhaupt das Besondere an dieser Ausstellung: nicht das Überbordende der Malerei steht im Vordergrund. Hier finden sich in der reichhaltigen Zeichenkunst und Graphik des Künstlers neben durchaus humorvollen Darstellungen (Athene hält Achilles zurück, Agamemnon zu töten, eine Federzeichnung in Braun) Portraitskizzen (Studie eines alten Mannes) und anderen sehr ernsthaften Figuren, aber auch die Magier und Orientalen, schöne Männer, die mit Totenköpfen und Schlangen hantieren (stehender Mann, Federzeichnung): insgesamt eine Welt des Traums, der Fantasie. Der Künstler nannte sie die „Caprici“ und „Scherzi di Fantasia“ – für ihn vermutlich eine Quelle seiner Kreativität. Wie auch in der Ausstellung gezeigt wird, waren für Francisco Goya (1746 – 1828), der um fast zwei Generationen Jüngere, diese Caprichos vorbildlich: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“: dieses Konzept hat er von Tiepolo übernommen.

Für die höchst strapaziöse Rückreise nach Italien fehlte dem nun 74 jährigen Künstler die Kraft. 1770 endete sein Leben in Madrid. Ein erfülltes Leben! Giambattista Tiepolo war der erste Präsident der „Accademia di belle Arti in Venezia“ und 2003 wurde der Asteroid 43775 nach ihm benannt. Als Asteroid Tiepolo wandert dieser nun für alle Zeiten durch das All. Und ist dies nicht der nicht mehr zu steigernde ewige Ruhm eines begnadeten venezianischen Künstlers?

Anneliese Beck