Portrait in Fehlfarben und das Antlitz in der Abstraktion

Betrachtungen zu der im Kunstbau des Lenbachhauses gezeigten Ausstellung „Lebensmenschen“

„Ein Kunstwerk ist eine Welt, nicht Nachahmung der Natur“

Alexey von Jawlensky, geboren 1864 in Torschok/Russland, verstorben 1941 in Wiesbaden, entdeckte als 16-Jähriger seine Liebe zur Malerei anlässlich eines Besuchs einer Gemäldeausstellung in Moskau. Durch regelmäßige Besuche in der Moskauer Tretjakow-Galerie und autodidaktischen Übungen im Zeichnen und Malen begann er, sich in dieser Kunst zu schulen, doch erst nach seiner im Rahmen seiner eingeschlagenen Offizierslaufbahn erfolgten Versetzung nach St.Petersburg war es ihm möglich, als mittelloser zaristischer Fähnrich abendliche Kurse der dortigen Kunstakademie zu besuchen. Dort wurde ihm von dem berühmten Ilja Repin die damals als Malerin schon bekannte und auch vermögende Baronin Marianne von Werefkin sozusagen als „Personal Coach“ zugewiesen.

Alle Welt kennt die berühmte, von Höhen und Tiefen geprägte, auch durch zeitweise Trennungen unterbrochene, dennoch mehrere Jahrzehnte andauernde Zweisamkeit dieser beiden Künstlerpersönlichkeiten, in deren Verlauf das Dienstmädchen der Werefkin, Helene, die die beiden 11-jährig nach Deutschland begleitete (1896) und sie auch nie verließ, mit 16 Jahren einen Sohn zur Welt brachte, der schlussendlich mit 20 Jahren seinen Vater dazu überreden konnte, die Mutter zu heiraten und ihm so seinen Namen zu geben. (Anmerkung: dieses Happy End blieb bei Karl Marx natürlich aus, auch, da dessen Haushaltung weitaus ärmer und auch spießiger war). Später wird Jawlensky Helene oft darstellen, öfter als die vier Jahre ältere, sicher auch eigenwilligere, weil auch finanziell unabhängige Werefkin.

Für die Entwicklung des noch jungen und für alle künstlerischen Eindrücke so außerordentlich empfänglichen Alexey war die Übersiedlung nach München unter der Ägide der älteren und erfahreneren Freundin, und nach Mittel-Europa überhaupt, Reisen nach Paris eingeschlossen, wie ein Schub. Wer waren die Künstler, die ihn beeinflusst, mit denen er sich auseinandergesetzt hat? Zuvörderst natürlich Ilja Repin in St. Petersburg, doch es folgten die Großen der Münchner Schule (Wilhelm Leibl, Lovis Corinth, Wilhelm Trübner, Carl Schuch und Leo Putz). Und in Frankreich in dieser Reihenfolge: Vincent van Gogh, Paul Gauguin, Paul Cézanne. Schließlich erfolgte die Begegnung mit Wassili Kandinsky und Gabriele Münter, es kam zur Gründung des N.K.V.M. (Neuer Münchner Künstler-Verein) und zur Entstehung des „Blauen Reiter“, zur Freundschaft mit diesen Künstlern, wie z. B. Franz Marc, und anderen, die ihnen nahe standen.

In der heutigen Ausstellung wird u. a. eine in ihrer Art einmalige und zunächst fast irritierende Portrait-Malerei eines gereiften Künstlers gezeigt. Jawlensky arbeitete dabei oft auch mit ungemischten Farben, und so entdeckt man einerseits eine tonige, andererseits durchaus auch eine grelle Farbigkeit in den in pastoser Malweise entstandenen Portraits, und diese vor zumeist monochromem, jedoch in sich selbst changierendem Hintergrund. Die Fehlfarbigkeit, insbesondere des Inkarnats, erinnert durchaus an den „Blauen Reiter“ (Franz Marc), die expressive Vielfarbigkeit der Kleidung, des Schmucks, der Kopfbedeckungen an die expressionstische künstlerische Ausdrucksform jener Zeit.

Bei der Betrachtung der einzelnen Portraits fallen zunächst die übergroßen, dunklen und dazu noch fast schwarz umrandeten Augen der in Frontal- oder Dreiviertelansicht dargestellten Personen – zumeist Frauen – auf, deren Gesichter oft in ein spitzes Kinn auslaufen, so dass quasi eine Dreiecksform entsteht. Oft findet sich auch eine farblich abgesetzte Umrandung des ganzen Portraits. Jawlensky soll auch von dem damals in Mode gekommenen Japonismus beeinflusst gewesen sein. Wohl sein berühmtestes Portrait ist die Darstellung des damals jungen ukrainischen Tänzers Alexander Sacharow in seinem glühend roten Kleid im Kontrast zu dem tiefschwarzen Haar, vermutlich eine Perücke.

Diese Bilder berichten von einem in seiner Individuellen Persönlichkeit gereiften russischen Künstler, dessen Talent und die darin schlummernde Genialität Marianne von Werefkin damals in St. Petersburg wohl schon erahnte, so dass sie ihre Malerei für zehn Jahre unterbrach, um diesen jungen Freund im Westen zu fördern. Er selbst beschreibt zu dieser Zeit (1911) seine Malerei „in sehr starken glühenden Farben, die absolut nicht naturalistisch, nicht stofflich sei“. Undweiter: „Er betrachte dies als eine Wende in seiner Malerei!“: Wir sehen also auch in diesen Portraits eine Verformung, eine Entfremdung von Figuren, von Formen und Farben, die uns dennoch in den Bann ziehen, da sie immer noch als dargestellte Persönlichkeiten einen persönlichen Kontakt zu dem Betrachter herzustellen vermögen.

Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 hatten Staatsbürger verfeindeter Nationen das Deutsche Reich zu verlassen, so auch die Russen. Bekanntlich zerbrach dadurch die Lebensgemeinschaft Münter-Kandinsky. Der gesamte Werefkin’sche Haushalt zog sich in die Schweiz zurück, zunächst an den Genfer See, dann nach Zürich und schließlich 1918 nach Ascona am Lago Maggiore. Und damit wandelte sich der luxuriöse Lebensstil, den man bisher geführt hatte in eine eher karge Lebenshaltung, da die russischen Werefkin’schen Geldquellen zunächst wesentlich spärlicher sprudelten und durch die russische Revolution wohl gänzlich versiegten. Außerdem stelle ich mir das tägliche Leben zu jener Zeit in dem sonst bezaubernden und noch heute berühmten kleinen Ort Ascona nach all dem fruchtbaren Zusammensein mit den Künstlerfreunden in München und den ebenso künstlerisch anregenden Reisen in das europäische Ausland eher langweilig vor.

Weitere Frauen begegneten dem Künstler, die sich im Laufe der folgenden Jahre um ihn kümmerten, ihn „sponserten“, ihm freundschaftlich verbunden, seine „Nothelferinnen“ waren. 1922 trennten sich Marianne von Werefkin und Alexey von Jawlensky, der Künstler zog nach Wiesbaden, heiratete dort die Mutter seines Sohnes und: er fand künstlerischen Erfolg und Anerkennung! 1934 erhielt er die Deutsche Staatsbürgerschaft, im NS-Reich galt er jedoch – wen wundert’s? – als „entarteter Künstler“.

Vor einigen Jahrzehnten zeigte das Lenbachhaus eine umfangreiche Serie der Abstrakten Köpfe des Künstlers, mit denen ich damals überhaupt nichts anfangen konnte, die mir jedoch im Gedächtnis blieben. In der heutigen Ausstellung begegne ich einigen Exemplaren dieser damals zahlreichen aus der dinglichen Welt vollkommen herausgenommenen Gesichter, Gesichter in allen möglichen Variationen, dargestellt in einfachen Strichen, zum Teil in dezenten Farben, schlussendlich nur in Schwarz-Weiß gehalten, von denen man dennoch den Eindruck einer Individualität hatte. Denn durch nur minimale Veränderung der jeweiligen „Physionomie“ erzielte der Künstler jeweils eine völlig andere Wirkung. Doch dann gelangte er zur völligen Abstraktion. Das Antlitz wird allmählich zu einer variablen Kombination geometrischer Gebilde, in denen sich Rechteck, Kreissegmente und spitzwinkelige Dreiecke zusammenfügen. Die heraldische Komposition aller seiner Köpfe in ihrer sich wiederholenden U-Form ist meist oben offen. Dies zu deuten bleibt jedem selbst überlassen.

1927, also mit 62/63 Jahren, machte sich die schmerzhafte Erkrankung, nämlich eine rheumatische Gelenkerkrankung, erstmals bemerkbar. Linderungen fand der Künstler in der Folgezeit bei zunehmend sich verschlimmernden Beschwerden nur vorübergehend, monatelang war er an das Bett gefesselt, Lähmungserscheinungen hinderten ihn an der Arbeit, und Anfang der dreißiger Jahre verließ ihn die Kraft seiner rechten Malerhand nahezu völlig, so dass er oft die linke Hand zu Hilfe nehmen musste. Schließlich saß er im Rollstuhl. Doch er blieb bei seinem Thema, nannte seine nunmehr vollkommen in die Gegenstandslosigkeit geglittenen Gesichter ab 1937 „Meditationen“, die er von nun an stets en face gestaltete.

Nach seinem Tod, der ihn mit 76 Jahren von seinem Leiden erlöste, wurde der Sarg vor der Ikonostase des russischen Malers Timoleon von Neff in der Russisch-Orthodoxen Kirche in Wiesbaden aufgebahrt, sodann auf dem Russisch-Orthodoxen Friedhof beigesetzt.

Es war sein Freund, der Wiesbadener Maler Alo Altrip (1906-1991), der ihn erstmals den „Ikonenmaler des 20. Jahrhunderts“ nannte.

Anneliese Beck